Nürnberger Nachrichten, 12. Februar , Seite 9

WAS INTERESSIERT DIE GÄSTE AM MEISTEN?

Bundestag | Der Abgeordnete Michael Frieser spricht über seine Besuchergruppen im Parlament.

Von Harald Baumer

Der Nürnberger Michael Frieser (61) ist inzwischen einer der altgedienten Abgeordneten des Deutschen Bundestages. Er gehört dem Parlament seit bald 17 Jahren an. Die Gesetze, an denen er mitwirkte, sind kaum noch zu zählen. Ebenso wenig die fränkischen Besucherinnen und Besucher, die er in dieser Zeit empfing. Eine mittlere fünfstellige Zahl dürfte es insgesamt gewesen sein.

Die Gespräche mit diesen Gästen betrachtet Frieser als einen zentralen Bestandteil seines Abgeordnetendaseins und nicht als eine bloße Pflichtübung. In der Regel nimmt er sich etwa eineinhalb Stunden Zeit für jede Gruppe. Der Austausch wirkt in beide Richtungen: Er erfährt aus erster Hand, was die Bürgerinnen und Bürger bewegt, und kann zugleich Einblicke in die parlamentarische Arbeit geben sowie Hintergründe erläutern.

Was interessiert die Gäste am meisten? Besonders häufig geht es um die teils leeren Stuhlreihen im Plenarsaal, wie man sie aus Fernsehübertragungen kennt. Dieser Eindruck irritiert viele Menschen. Frieser erklärt dann, dass die Arbeit eines Abgeordneten weit über die Präsenz im Plenum hinausgeht. In den jährlich gut 20 Berliner Sitzungswochen stehen Termine vom frühen Morgen bis zum späten Abend an. Ausschusssitzungen, Arbeitskreistreffen und Gespräche mit Expertinnen und Experten gehören ebenso dazu. Parallel dazu laufen die Beratungen im Plenarsaal, oft zu hochspezialisierten Themen aus Umwelt-, Finanz-, Verteidigungs-, Gesundheits- oder Rechtspolitik. Dort sitzen in der Regel diejenigen Abgeordneten, die sich intensiv mit dem jeweiligen Thema befasst und an Gesetzen mitgearbeitet haben. Alle anderen könnten in diesem Moment wenig beitragen.

„Wir sind ein Arbeitsparlament“, betont Frieser. Das bedeute nicht, stundenlang ununterbrochen Debatten zu verfolgen, sondern sich intensiv um die eigenen Themen zu kümmern. Wenn er es so erkläre, so seine Erfahrung, werde es für die Besucherinnen und Besucher nachvollziehbar. Zudem erlebten die Gruppen in Sitzungswochen selbst, wie geschäftig das Parlament sei – fast wie ein Bienenstock.

Einen wesentlichen Teil der Gäste stellen Schulklassen dar. Derzeit empfängt Frieser jährlich rund 2500 Jugendliche aus allen Schularten. Die Zahl ist gestiegen, seit er der einzige direkt gewählte Abgeordnete Nürnbergs ist. Sein Kollege Sebastian Brehm hatte zwar seinen Wahlkreis gewonnen, konnte jedoch aufgrund der Wahlrechtsreform nicht in den Bundestag einziehen. Insgesamt hat sich die Zahl der Nürnberger Bundestagsabgeordneten seit der letzten Legislaturperiode nahezu halbiert – von sieben auf vier.

Schülerinnen und Schüler stellen meist andere Fragen als erwachsene Besucher. Häufig wollen sie wissen, ob der Abgeordnete in Berlin wohnt und wie ein typischer Arbeitstag aussieht. Fachthemen folgen erst später. In diesem Alter denke man praxisnäher, erklärt Frieser die unterschiedlichen Interessen.

Spürt er bei erwachsenen Gästen häufig die Wut über Politik, wie sie in sozialen Netzwerken oft dominiert? Nach seiner Erfahrung eher nicht. Wer grundsätzlich mit dem politischen System abgeschlossen habe, melde sich für eine Bundestagsfahrt gar nicht erst an. Er selbst scheue die Auseinandersetzung jedoch nicht und würde auch kritische Stimmen begrüßen, um Missverständnisse klären zu können.

Ein- oder zweimal im Jahr bietet der kulturinteressierte Abgeordnete zudem Kunstführungen im Deutschen Bundestag an. Die Gruppen sind dann bewusst kleiner und umfassen etwa 15 Personen. Das Parlament verfügt über eine der größten Sammlungen zeitgenössischer Kunst, mit Werken unter anderem von Joseph Beuys, Gerhard Richter, Christian Boltanski und Günther Uecker.

Frieser, Mitglied im Ausschuss für Kultur und Medien, erlebt dabei immer wieder, wie schnell selbst bei vermeintlich sperrigen Kunstwerken Gespräche über Politik entstehen. Mitunter löst eine Installation aus vier von der Decke hängenden Achter-Ruderbooten mehr Emotionen aus als die detaillierte Betrachtung eines Gesetzgebungsverfahrens.

Foto: Harald Baumer

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